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Captain Future - ein Rückblick zwischen Pulps, Anime und Synthesizer und dem unendliche Raum des 80iger Sci-Fi

Erinnert ihr euch noch an diesen Moment? Es ist das Jahr 1980, ein grauer Nachmittag, und im TV flimmert plötzlich ein Raumschiff über die Röhrenbildschirme, dessen Form aussieht wie zwei aneinandergeklebte Hanteln. Dazu ertönt ein treibender, unendlich cooler Synthesizer-Beat, der sich für immer in unsere Gehörgänge einbrennen sollte. Die Rede ist natürlich von Captain Future.

Wenn man heute an die frühen Zeichentrick bzw. Anime-Erfahrungen im deutschen Fernsehen denkt, kommt man an diesem rothaarigen Weltraumhelden und seiner Crew einfach nicht vorbei. Schnallt euch an – wir fliegen mit der Comet zurück in die Vergangenheit, blicken auf die faszinierende Geschichte von Curtis Newton und reden über ein lang ersehntes Filmprojekt, das leider nie das Licht der Kinosäle erblickte.

Die Wurzeln: Aus den Groschenheften ins Weltall

Viele von uns dachten damals, Captain Future sei eine reine Erfindung der japanischen Zeichentrickstudios. Weit gefehlt! Die Wurzeln des Captains reichen bis ins Jahr 1940 zurück. In den USA erlebten die sogenannten „Pulp-Magazine“ (günstig produzierte Schund- und Groschenhefte) ihre Blütezeit. Der Verlag Standard Magazines beauftragte den Autor Edmond Hamilton, eine neue Science-Fiction-Reihe zu kreieren.

Hamilton erfand eine klassische, fast mythische Origin-Story: Der geniale Wissenschaftler Roger Newton flieht mit seiner Frau Elaine und seinem Kollegen Simon Wright – dessen Gehirn in einen fliegenden Container transferiert wurde – auf den Mond, um dort ungestört zu forschen. Gemeinsam erschaffen sie den kräftigen Roboter Grag und den gestaltwandlerischen Androiden Otho. Als Victor Corvo, ein ehemaliger Kollege, Rogers und Elaine ermordet, wächst ihr Sohn Curtis unter der Obhut des Roboters, des Androiden und des „fliegenden Gehirns“ auf. Er schwört, das Universum vor dem Bösen zu beschützen – Captain Future ist geboren.

Der Siegeszug im Fernsehen: Toei Animation und das ZDF

Ende der 1970er kaufte das renommierte japanische Studio Toei Animation (später bekannt für Dragon Ball, Sailor Moon oder One Piece) die Rechte an den alten Pulp-Romanen. Unter der Regie von Tomoharu Katsumata entstanden 52 Episoden, plus ein TV-Special – klassisches Space-Abenteuer mit viel Charme und Optimismus.

Als das ZDF die Serie 1980 nach Deutschland holte, geschah etwas, das aus heutiger Sicht für Puristen ein Sakrileg, für unsere Erinnerungskultur aber ein Geniestreich war:

  • Der Schnitt: Das ZDF fasste die 52 japanischen Folgen zu 40 Episoden zusammen. Ursprünglich in Vierteilern erzählt, wurden viele Handlungsbögen zu dreiteiligen Fassungen verdichtet. Gewalt, Liebesgeschichten und düstere Untertöne fielen der Schere zum Opfer – angeblich „zu komplex“ fürs Kinderprogramm.

  • Der Soundtrack: Der japanische Jazz-Sound von Yuji Ohno wurde komplett ersetzt. Christian Bruhn komponierte für das ZDF einen elektronisch-spacigen Score, der zwischen Disco, Krautrock und sphärischem Synth-Sound pendelte. Ohne Bruhns Melodien – die bis heute auf Vinyl, CD und sogar auf Retro-Partys wiederaufgelegt werden – wäre Captain Future in Deutschland wohl nie zu dem Kult geworden, den wir kennen.

Varianten und das Erbe der Zeit

Captain Future hat die Jahrzehnte überdauert – von VHS und Kinderzimmern über Streaming bis hin zu Tribute-Konzerten.

  • Europaweiter Kult: In Frankreich als Capitaine Flam, in Italien als Capitan Futuro gefeiert – mit jeweils eigenen Intros und Songs, die dort bis heute Kultstatus haben.

  • Comics und Bücher: In den 80ern brachte Bastei-Lübbe die Originalromane in deutscher Übersetzung neu heraus, natürlich mit Anime-Covern. Später folgten Neuinterpretationen: Allen Steeles Roman Avengers of the Moon (2017) gilt als moderne Hommage an Hamiltons Ideen, während Sylvain Runberg und Sébastien Latour 2018 im französischen Comic Captain Future den Helden in düstere, filmreife Optik überführten.

  • Die Blu-ray-Ära: Erst 2014 ermöglichte die Blu-ray-Veröffentlichung durch Leonine die Sicht auf die komplette, ungeschnittene Serie. Zum ersten Mal konnten wir erleben, wie viel tiefgründiger und ernster manche Episoden im Original angelegt waren.

Auch musikalisch lebt der Kult weiter: In den 2010ern spielten Symphonieorchester wie die Wiener Symphoniker oder das Deutsche Filmorchester Babelsberg Bruhns Thema live – Gänsehaut pur für alle, die damals mit Tape-Recorder vorm Fernseher saßen.

Der Traum, der platzte: Der nie realisierte Kinofilm

Der Name Christian Alvart ließ in den 2010er Jahren viele Herzen höherschlagen. Der Pandorum-Regisseur sicherte sich die Rechte an einer Realverfilmung und arbeitete mit Syrreal Entertainment an einem Drehbuch und modernen Designs. Ein geleakter Teaser-Trailer von 2015 zeigte eine düstere, atmosphärische Variante, die Fans sofort in Euphorie versetzte – irgendwo zwischen Guardians of the Galaxy und Star Trek, aber mit unverkennbar deutschem Herzblut.

Doch das Projekt scheiterte an der harten Realität: Budget, Markenrechte und Marktinteresse. Während Captain Future in Europa Legendenstatus genießt, blieb er in den USA nahezu unbekannt. Hollywood zeigte wenig Bereitschaft, dreistellige Millionenbeträge in ein nostalgisches Weltraumabenteuer ohne globalen Wiedererkennungswert zu investieren. Und so liegt der Traum vom Kinofilm bis heute im Kälteschlaf – irgendwo zwischen Andromeda und Aktenordnern.


Mehr zu dieser tollen Serie findet ihr z.B. hier von Glotzbuster bzw. generell auch auf Youtube:



Fazit eines Fans

Auch wenn wir Curtis, Simon, Grag, Otho und Joan (und natürlich Ken!) wohl nicht so bald auf der großen Leinwand sehen werden, schmälert das unsere Liebe zur Comet kein bisschen. Wenn heute der Christian-Bruhn-Beat auf einer Retro-Party aufheult, sind wir sofort wieder in unsere Kindheit zurückversetzt, sitzen im Schneidersitz vor dem Fernseher und fliegen mit Überlichtgeschwindigkeit durch das Sonnensystem.

Euer Nostalgicus


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